TAG FÜNFUNDZWANZIG

Kleinortgroßlärm

 

Hinauf auf den Hügel, Stadt ade. Luft in luftiger Höh'. Das Schloss in der Ferne. Das Rauschen, oh weh. Die Füße, sie tragen mich fort. Nicht weit genug.

Der Ohrwurm frisst, frisst tiefer sich, etc. etc ...

 

Hinter dem Landratsamt die Hügel hinauf suche ich Ruhe, aber weit, weit hinein in den Wald treibt sich der Ohrschmutz von den Tälern hinauf. Kein Entkommen der Kiste, dem Brüllhals, dem Schleudergang. Auf der Kuppe, endlich, das Herz weit nach Erlösung hinter dem Hang: doch Stereo schaltet sich ein, ein Zubringer, ein Zubringer, ein Zubringer, hurra! 

 

So klein der Ort, so groß der Lärm. Kein Entkommen dem Auto, dem Goldenen Kalb.




TAG SECHSUNDZWANZIG

Im Staatsarchiv. Akten sichten. Knapp vier Stunden. Gut vierhundert Seiten. Was hängen bleibt im ersten Durchgang: die ausführlichen Verhandlungen über die Entschädigungen der Hohenzollern, Mietzins und Abnutzungsentgeld fürs requirierte Schloss, fürs Mobiliar. Anwaltschreiben, Nachträge, anschließend Beschwerden über die Nutzung im Schloss, im Prinzenbau. Es solle dort, unten in der Stadt, Brennholz gehackt worden sein auf dem Parkett, und Schneewasser nicht aufgewischt. 

  Die zivilen Franzosen, anders als die Vichy-Regierung, hat niemand gerufen. Aber zwangseinquartiert auf Geheiß der deutschen Behörden wurden sie dennoch, bei der lokalen Bevölkerung, ohne Entschädigung. 

Deux poids, deux mesures, mit zweierlei Maß messen ...



TAG SIEBENUNDZWANZIG/TAG ACHTUNDZWANZIG

War da was?

Nachdenken.

Lesen.

Nicht schreiben.

Nur das hier.



TAG NEUNUNDZWANZIG

Stille und Schweigen

 

Der Himmel liegt noch verhalten über dem Morgen, als ich zum Bahnhof radle. Auf den Zug gen Donaueschingen warte ich länger. Ich bin zu früh. Überschuss an Begeisterung und Vorfreude wohl. Zu den Musiktagen? Nein. Nach Beuron.

  Am Fahrkartenautomaten fragt ein Mann mich, wie er den stummen Schalterbeamtenersatz bedienen kann. Früher ging das andersrum. Ich habe Zeit, tippe die Tasten, die ihm das passende Ticket ausspucken, bevor ich mein eigenes löse. Gut, dass ich nicht in Eile bin. Wir sollten, darüber denke ich im ersten Sonnenkitzel nach, mehr darauf achten, nicht gehetzt unter die Leute zu gehen. Das macht uns zu genießbareren Mitmenschen. Einander Achtsamkeit schenken.

  Dann die Zugfahrt wie Zugfahrten sein sollten: ruhig. Kein Rentnergruppengetöse, kein wagenweites, juveniles Mitteilungsbedürfnis, kein Ohrstöpselgedröhne. Ruhe vor dem Zuviel der Zeitgenossen, und dann das Rauschen durch Landschaft, und welch Landschaft! Zugfahren, in meinem Erleben, bedeutet Kontemplation, nicht pragmatischer Ortswechsel, ist Erfahrung im eigentlichen Sinn. Heute, von wessen Gnaden auch immer, darf ich mich ganz dem Blicken nach draußen widmen, ungestört und ungeschützt.

  Ich denke an den Zugführer. Wie lange hält wohl das Bewusstsein an, hier eine außergewöhnliche – eine außer der Gewohnheit liegende – Strecke zu fahren? Wie lange das Staunen? Wie schnell macht Wiederholung unser lebendiges Schauen, den Schauder vor der Schönheit … kaputt?

Ich wechsle die Seiten, blicke zu Kalksteinfelsen empor, in Talschluchten hinein, auf immer sinnlichere Ansichten, je näher wir dem Klosterörtchen kommen. Noch sitze ich hinter Glas. Doch zum ersten Mal seit einem Monat fügen sich die Bedingungen, Natur wahrzunehmen, zu einem stimmigen Ganzen.

  Beuron. Der Bahnhof. Es riecht anders als in der Stadt. Maisch und Waldmeister, Morgennebelduft. An einem Schuppen steht die Tür offen. Der Zug fährt davon, noch surrt das Gleis, dann nur noch Atem. Zwei Handwerker auf dem Gerüst, die sich zehn Meter über mir am Giebel – getragen – unterhalten.

  Links. Den Hang hinauf. Das Fahrrad anketten. Zu Fuß gehen. Felswandsinfonien brechen durch die Baumlücken. Entlang der Klostermauern folge ich dem Schild zur Kirche. Auf der Straße, auf dem Parkplatz: kein Auto, kein Reisebus. Der Lohn der frühen Stunde. Am Portal lese ich die Uhrzeiten der Gottesdienste. Bitte nicht stören. Ich werde warten. Doch dann höre ich nichts von innen und öffne die Tür. Leere. Stille. Nur die Weite des Schiffs. Wenige Schritte und ich sehe einen breiten Rücken sitzen, vorne, in den ersten Reihen. Diese Halbsilhouette, sie fordert meinen Einhalt. Ich rutsche auf die hinterste Bank, das Kniebänkchen, sehe ich, lehnt hochgeklappt. Lauschen, schauen. Nichts sonst. Gemurmelte Sätze, die von vorn zu mir rollen. Der Rücken bewegt sich nun. Verhaltene Extase. Da betet jemand, betet körperlich. Mein Blick reist umher, hinauf zu den Fenstern im Morgenlicht, das sich bricht und tänzelt. Deckengemälde als Inseln strukturieren das Meer aus barocker Gischt. Direkt über mir, eine biblische Szene, die ich nicht zu deuten weiß. Linker Hand hinein in die Bildfläche ragt ein Hirsch mit stolzem Geweih, die Landschaft: Fluss und Felsen und Grün, so wie ich sie eben erfahren habe. Wir kennen das von Votivbildern, von Triptychen und religiösen Genredarstellungen: Die biblischen Geschichten aus Nahost, aus karger Wüstenei, sie wurden gerne gebettet in hiesige, in der Maler heimische Welten. Und jene Welten trug das kolonialherrische Europa, gestützt auf die Kirche, in die Ferne und setzte sie an oberste Stelle der exportierten Hierarchien. Zur Weitung der Welt gesellte sich keine Dehnung des Herzens, kein Luftholen des Geistes.

 

Nicht Gott hat die Menschen geschaffen, wir Menschen haben Gott erfunden. Aus Furcht, die Nichtigkeit zu begreifen – die vor uns, die nach uns und womöglich auch die während uns – und sie nicht auszuhalten. So entsteht unsere Geschwätzigkeit. Die Stille übertönen. Stille braucht uns Menschen nicht. Schweigen zeugt vom Menschen, der etwas sagen könnte, aber den Mund hält. Stille ist die Abwesenheit von Sprechenwollen, von Sprechenkönnen. Doch Schweigen, wenn es sich nie als versagtes Sprechen artikuliert hat, bedeutet Stummheit. Stummheit aber ist Inexistenz, ist Tod.

 

Während ich hierüber nachdenke, geht hinter mir die Tür. Zwei Besucher. Ich meine zu spüren, wie sie der Stille gewahr werden, die im Kirchenraum noch immer vibriert. Doch nur kurz dauert mein Wunschdenken. Dann wird es überrannt von Gummisohlgezwitscher, das die Ruhe zertrampelt. Zwei Runden, das war's. Fort sind sie. Was haben sie mitgenommen? Hinterlassen, das ja, haben sie Un-Ruhe.

  Kirchen sind keine Museen. So sehr ich die Schriften als menschengemachte Narration eigener Bedürftigkeit sehe, als Grundlage von Ritualen, die auch solche Bauten entstehen lassen, so sehr achte ich den Glaubenden in seinem Praktizieren.

Mit zwei Schritten bin ich wieder draußen.

 

Die nächsten fünf Stunden durchstreife ich das Donautal flussabwärts. Dreißig Radkilometer Glück. Der berauschendste Tag in diesen vier Wochen. Zwischen Beuron und Inzigkofen bremse ich immer wieder die Geschwindigkeit aus, stehe und lausche, lausche der Fülle an Stille. Heu und frisch geschnittenes Gras, Fäulnis. Weißer Fels, Schlösser. Kürbisreigen vor Bauernhof. Rehe im Gehege. Am Gutshof Käppeler stelle ich das Rad ab und suche mir einen Platz in der Sonne. Kinder spielen im Schatten der Bäume, an den Nebentischen wird geplaudert. Ein Plätschern wie Donauwasser. Als würde der Lichtstrahl alles dämpfen. Ich esse Superlativ-Kässpätzle und strample bald schon weiter, immer weiter und zeitenthoben, Windungen entlang, Steigungen hinauf, Jubelrücken bergab.

  Es darf kein Ende geben. In Inzigkofen hole ich nach, was beim letzten Besuch Brache geblieben war. Ich setze mich in den Kräutergarten, lese und lese auf: einen Gedanken hier, eine Blüte dort.

  Die letzten Kilometer sind mir schon vertraut. Und wie immer nach dem Draußen engt Stadt den Brustkorb ein. Mir gelingt, den Puls des Tages hineinzuretten in meine Bleibe, und er bleibt die Kraft für diese Zeilen.